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Wie die Christuskirche zur Tafel kam

"Heute Abend ist in der Volkshochschule ein Vortrag über die Tafelbewegung, da kommst du doch auch mit." Ein Satz, den ich wohl nie vergesse. Zumal er nicht als Frage gemeint war. Nein, Ernst Burgstett hatte ihn als Feststellung gemeint. Und so sind wir im Frühjahr 2007 abends in die Volkshochschule gegangen und haben uns einen Vortrag von zwei Mitarbeiterinnen der Göttinger Tafel angehört.

Nach meiner Erinnerung waren etwa 20 Besucher bei dem Vortrag anwesend, darunter auch einige Mitglieder unserer Gemeinde. Und wir waren angetriggert. Sollte es wirklich stimmen, dass in Northeim etwa jeder sechste Bewohner unterhalb der Armutsgrenze lebt? Kann es wahr sein, dass in unserer beschaulichen Kleinstadt diese Menschen neben der staatlichen Unterstützung noch auf weitere Hilfe angewiesen sind, die es aber nicht gibt?

Dem wollten wir weiter nachgehen. Und haben uns in den nächsten Wochen mehrmals in den Räumen der VHS getroffen. Als die sich nicht mehr in der Lage sah, einen Raum und einen Mitarbeiter zur Koordination zur Verfügung zu stellen, sind wir in die Christuskirche umgezogen. Und seitdem gilt die Northeimer Tafel auch als Projekt unserer Gemeinde. Zumal Mitarbeiter unserer Gemeinde an entscheidender Stelle beim Aufbau der Tafel mitgewirkt haben.

2007 gab es etliche Planungstreffen, eine intensive Suche nach geeigneten Räumlichkeiten, die Vereinsgründung, Suche nach Unterstützern und Sponsoren, Kontakte zu Lieferanten. In meinem ersten Jahresbericht für die Mitgliederversammlung des Vereins habe ich gesagt: „Hätten wir gewusst, was auf uns zukommt, dann hätten wir nach dem Vortrag die Situation eines nicht unerheblichen Teils der Bevölkerung beklagt. Und gehofft, dass irgendjemand anderes die Initiative zum Aufbau einer Tafel in Northeim übernimmt.“

Gut, dass wir nicht so gehandelt haben. Sondern mit viel Engagement und einer gehörigen Portion Naivität an die Arbeit gegangen sind. Und wir haben es ja geschafft. Einen Raum gefunden und instand gesetzt, Mitarbeiter rekrutiert, Lebensmittelspenden eingesammelt und die Ausgabe organisiert. Und gespannt dem Tag der ersten Ausgabe entgegengefiebert. Wie überrascht waren wir, als sich zum angegebenen Zeitpunkt vor dem Rückingsanger 5 eine Schlange gebildet hatte! Damit hatten wir nun wirklich nicht gerechnet.

Seitdem sind 11 Jahre vergangen, und die Tafel ist so nötig wie zu Anfang. Monat für Monat kommen über 1000 Bedarfsgemeinschaften, um Lebensmittel abzuholen. Menschen aus 30 Nationen, dabei aber etwa 60 Prozent mit deutschem Pass. Und erschreckend viele Familien oder Alleinerziehende mit kleinen Kindern.

In der Tafel ist nicht immer eitel Sonnenschein. Die Kunden sind bisweilen schwierig, manchmal auch Mitarbeiter. Und die äußeren Bedingungen konnten erst so nach und nach verbessert werden. Ich erinnere mich noch gut, wie die Mitarbeiter bei der Warenannahme im Winter an der Frostgrenze arbeiten mussten, dass es nicht einmal einen Aufenthaltsraum für sie gab, oder man bei unserem ersten Fahrzeug durch das Bodenblech auf die Straße schauen konnte. Über den Zustand der sanitären Einrichtung schweige ich lieber.

Viele dieser Schwierigkeiten sind inzwischen überwunden. Es gibt einen festen Stamm von Vereinsmitgliedern und Mitarbeitern, darunter immer noch einige aus der Gemeinde und ihrem Umfeld. Das ist gut so. Denn als Nachfolger des Jesus von Nazareth sind wir an die Menschen um uns herum gewiesen. Und wenn wir ihn zum Vorbild nehmen, dann erkennen wir: Besonders die Bedürftigen sind eine Aufgabe für uns. Gut, wenn Mitglieder und Freunde unserer Gemeinde dies für sich als Auftrag sehen.

WB

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