Begegnungen- so lautet die Überschrift über all den Veranstaltungen und Vorhaben, die in diesem Jahr in unserer Gemeinde stattfinden. Weil es uns wichtig ist, uns kennenzulernen, weil wir annehmen, dass es ein Interesse am anderen gibt, der über den sonntäglichen Kontakt hinausgeht. Das Thema Begegnungen hat uns als Gemeindeleitung aber auch inspiriert, einmal über unseren Tellerrand hinauszuschauen. So kam es, dass wir ein Treffen mit der liberalen Jüdischen Gemeinde in Göttingen verabredet haben.  Am 26.März sind wir mit 20 Personen nach Göttingen in die Angerstraße gefahren und haben uns von Frau Jürgenliemk, der 1. Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, hineinnehmen lassen in die Geschichte und Gegenwart ihrer Religion und Kultur, in die Erfahrungen im politischen und interreligiösen Miteinander und die Auseinandersetzungen und kritischen Betrachtungen der eigenen Traditionen. 

Schon die ersten 5 Minuten waren atemberaubend. Zu verstehen, dass wir nicht nur in einer Synagoge sitzen, sondern gleichermaßen in einem Hochsicherheitstrakt mit schusssicheren Fensterscheiben, mit umzäuntem Gelände, das demnächst noch durch Stacheldraht ergänzt wird, mit Türen, die von Nichtautorisierten von außen nicht zu öffnen sind, Kameraüberwachung innen und außen. Alles Auflagen des Landeskriminalamtes, die von der Gemeinde selbst zu finanzieren sind. Ohne Einhalten dieser Auflagen sei eine Jüdische Gemeinde polizeilich nicht zu schützen…Beklemmend!

Die liberale Jüdische Gemeinde ist nach den Worten der ersten Vorsitzenden eine kleine Gemeinde, die 120 Gemeindeglieder hat und sich nach dem Nationalsozialismus wieder neu gegründet hat. Wir haben gelernt, dass es drei unterschiedliche Richtungen innerhalb der Jüdischen Gemeinden gibt. Neben der liberalen gibt es die konservative und die orthodoxe Gemeinde. In der liberalen Gemeinde gelten Männer und Frauen gleichberechtigt, welches in den beiden anderen Gemeinden anders gehandhabt wird.

Wir haben gelernt, dass die Synagoge in der Angerstraße eigentlich in Bodenfelde stand, dort aber während des Nationalsozialismus nicht mehr genutzt wurde, weil die jüdischen Gemeindeglieder entweder verhaftet oder geflohen waren. Weil ein Bodenfelder Bauer die Synagoge als Scheune gut gebrauchen konnte, hat die Synagoge in Bodenfelde die Progromnacht überlebt und wurde Anfang des 21. Jahrhunderts Stein für Stein abgebaut und in Göttingen wieder aufgebaut. Im vergangenen Jahr wurde der 10. Geburtstag des Wiederaufbaus gefeiert.

Wir haben viel erfahren über die Geschichte dieser Gemeinde, über ihre Gottesdienste, ihre Traditionen, ihre Lebensfreude trotz aller Widrigkeiten. Wir haben gestaunt über die Ernsthaftigkeit und Mühe, die die Gemeindeglieder für ihre Religion und Gemeinde investieren und auch über ihr soziales Engagement. Unter anderem betreut die jüdische Gemeinde noch 20 Holocaust-Überlebende. Wir haben erfahren, dass Singen ein ganz wichtiges Element in den Gottesdiensten ist, natürlich auf hebräisch.

Frau Jürgenliemk hat viele Fragen zu beantworten gehabt. Sie hat uns die Einrichtung der Synagoge und die Symbole für gottesdienstliche Handlungen gezeigt. Wir durften die Thorarollen aus dem Thoraschrank sehen, haben gelernt, dass es den Beruf des Thoraschreibers gibt, dass die Thorarollen handschriftlich auf Tierhaut geschrieben werden und dass auch Thorarollen koscher sein müssen.

Was unsere Gemeinden gemeinsam haben: Auch die jüdische Gemeinde isst gern miteinander. Nach den Gottesdiensten, zu den Festen trifft man sich im benachbarten Gemeindehaus regelmäßig zum Essen.

Und wir sind eingeladen worden, mit einer kleinen Gruppe an einem Freitagabendgottesdienst teilzunehmen. 

Ich zitiere mal aus der Mail von Frau Jürgenliemk: „….es hat mir großen Spaß gemacht, mit Ihrer Gruppe zusammen zu sein, die so interessiert und zugewandt ist- das tut gut in Zeiten, in denen uns der Wind manchmal sehr kalt entgegen weht. Ich kann Ihnen mitteilen, dass der Kantor Daniel Kempin am 10. Mai zum Gottesdienst bei uns ist- wenn Sie mögen, könnte hier gern eine kleine Gruppe als Gäste dazukommen…..“

Ich bin dankbar für die Begegnung im März. Wir sind ganz beseelt zurück nach Northeim gefahren mit dem Wunsch, nicht das letzte Mal dort gewesen zu sein.

Wer Interesse hat an der Gottesdienstteilnahme im Mai, melde sich bitte bei Regina Bauer..     RB

 

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